In der Schweiz sind die Arbeitskräfte besonders stark von den Veränderungen durch Künstliche Intelligenz (KI) betroffen. Grund dafür ist die hohe Konzentration wissensintensiver Tätigkeiten sowie die Präsenz zahlreicher Unternehmenshauptsitze. Ähnlich ist die Situation unter anderem in Grossbritannien und den Niederlanden.
Laut einer aktuellen Analyse könnten 18 % der Aufgaben von Beschäftigten in der Schweiz durch Künstliche Intelligenz (KI) automatisiert werden. Damit zählt die Schweiz zusammen mit Grossbritannien, den Niederlanden, Luxemburg und Irland zu den Ländern, die besonders stark von dieser Entwicklung betroffen sind.
Die Studie, die in Zusammenarbeit mit dem französischen Forschungsinstitut Observatoire des emplois menacés et émergents (OEM) durchgeführt wurde, untersucht das Potenzial der KI-gestützten Automatisierung in den Arbeitsmärkten von knapp 30 fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Zudem zeigt sie auf, welche Berufsgruppen besonders von diesem Wandel betroffen sein könnten.
Warum qualifizierte Berufe stärker betroffen sind als Produktionsjobs
Die Studie geht davon aus, dass die Grenze für Automatisierung durch moderne KI-Anwendungen stark verschoben wird und immer stärker auch kognitive, komplexe und qualifizierte Tätigkeiten erfasst. In der Folge haben die Fachleute Aufgaben und elementare Handlungen für 923 Berufe definiert und nach ihrer Bedeutung und Häufigkeit gewichtet.
Im Ergebnis zeigt sich, dass KI die Beschäftigungsstruktur tiefgreifend verändert: Über ein Viertel der Arbeitsinhalte in den Bereichen Management und Verwaltung, kreative Berufe, Recht und Finanzen sowie Ingenieurwesen und IT könnte automatisiert werden, heisst es. Unter einer Schwelle von 10 Prozent Automatisierungsgrad fallen individuelle Dienstleistungen, technische, handwerkliche und industrielle Produktionsberufe. Auf dieser Basis entstand ein geografisches Bild, das unterschiedliche Phasen der KI-Entwicklung unterscheidet und dabei nicht nur sektorelle Unterschiede, sondern auch ansässige Unternehmensstrukturen berücksichtigt.
Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich? Platz 4 unter 30 Ländern
Das besonders exponierte Ländercluster, zu dem auch die Schweiz zählt, zeichnet sich durch zahlreiche Hauptsitze von Unternehmen aus. Hier ist dementsprechend der Anteil an exponierten Unternehmensfunktionen und auch Berufsgruppen hoch: insbesondere bei Finanzen, IT und Recht. Der Anteil an Aufgaben, die durch KI-Modelle automatisiert werden können, liegt beim Spitzenreiter Luxemburg bei 21 Prozent, in Grossbritannien bei nahezu 20, in den Niederlanden bei rund 19 Prozent. Nach der Schweiz mit 18 Prozent folgt Irland mit 17 Prozent.
Gemäss der Studie ist zudem ein etwas weniger betroffenes nordisches Cluster der Wohlfahrtsstaaten auszumachen, zu dem Norwegen, Island, aber der Tendenz nach auch Staaten wie Estland zählen. Ein zentraleuropäisches Cluster rund um Österreich, Slowenien oder Tschechien zeigt Ähnlichkeiten mit Deutschland bei starkem Fokus auf Engineering, aber auch höherem Gewicht auf Produktion. Dabei ist ein südliches Cluster der KI-Automatisierung jedoch noch weniger ausgesetzt. In Portugal, Italien, Spanien, Rumänien spielen Handel, individuelle Dienstleistungen, Bauwesen oder Transport eine grössere Rolle. Zum Beispiel sind nur 12 Prozent der Arbeitsinhalte in der Türkei potenziell automatisierbar.
KI verdrängt keine Jobs – aber sie verändert sie grundlegend
Exponierung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Stellenabbau.
erklärt der für die DACH-Region zuständige Coface-Ökonom Markus Kuger in einer Mitteilung.
Der Coface-Ansatz messe die technische Automatisierbarkeit von Aufgaben, nicht die tatsächlichen Nettoeffekte auf die Beschäftigung. Er gibt zu bedenken: „Es können Nachfrageeffekte wirken, neue Tätigkeiten entstehen oder auch Hemmnisse aufkommen.“
In der Schweiz werden laut Kuger in einem ersten Schritt eher Aufgaben im Rahmen bestehender Stellen umverteilt: auf Junior- oder Backoffice-Ebene sind gegebenenfalls weniger routinemässige Tätigkeiten zu finden; der Produktivitätsdruck steigt; Urteilsvermögen, Fachwissen, Governance und die Überwachung von KI-Systemen bekommen einen höheren Stellenwert. Erst später könnten sich Berufe in wissensbasierten Bereichen und Beschäftigungsstrukturen langfristig wandeln.
Wer profitiert wirklich? Die Infrastrukturmacht liegt bei ausländischen Konzernen
Für den Experten ist die entscheidende Frage, wer den Wert abschöpft.
Schweizer Unternehmen können ihre Produktivität steigern, doch die Infrastrukturebene – Chips, Rechenzentren, Cloud-Dienste und Basismodelle – wird von einer kleinen Zahl überwiegend ausländischer Anbieter kontrolliert.
so Kuger.
So fliesst Wertschöpfung ab, entstehen neue geopolitische Abhängigkeiten und Risiken in den Bereichen Cybersicherheit und Regulierung.
In einem für die Studie entscheidenden Szenario, bei dem agentische KI starke Verbreitung findet, verschiebt sich Wertschöpfung langfristig auch zu einem guten Teil von Arbeit zu Kapital. Wird das Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Verhältnis zum potenziellen Automatisierungsgrad der Aufgaben betrachtet, liegt Luxemburg klar an erster Stelle, die Schweiz und Irland rangieren direkt dahinter. Die Entwicklung kann demzufolge weitreichende Folgen haben, wenn Steuersysteme eher Arbeit besteuern. Dann muss damit gerechnet werden, dass Einnahmen aus Sozialabgaben oder Einkommenssteuern sinken und die Ausgaben für Arbeitslosenversicherung und Weiterbildung steigen.
Gleichzeitig könnte die zunehmende Verbreitung von KI die Diskussion über den Wert von Bildung und formalen Qualifikationen grundlegend verändern. Schon heute zeichnet sich ab, dass formale Abschlüsse allein nicht mehr denselben Stellenwert haben wie früher. Entscheidend werden zunehmend praktische Kompetenzen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit neuen Technologien.





