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Eskalation im Nahen Osten: Auswirkungen auf Energie, die Weltwirtschaft und die Schweiz

Die militärische Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran setzt die Energiemärkte unter erheblichen Druck. Zwar gibt es bislang keine grösseren Versorgungsunterbrechungen, doch könnten Risiken rund um die Strasse von Hormus, falls der Konflikt anhält, erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft und Lieferketten haben.

Wichtige Zahlen

  • Rund 20 % des weltweiten Ölverbrauchs passieren die Strasse von Hormus
  • Brent-Öl könnte bei anhaltender Versorgungsunterbrechung bis zu 147 USD pro Barrel erreichen

Ein Konflikt von nur wenigen Tagen oder Wochen – derzeit das wahrscheinlichste Szenario – würde nur begrenzte Auswirkungen haben. 

Bei längerer Dauer könnten die makroökonomischen Folgen jedoch erheblich sein und weit über die Energiepreise hinausgehen.

Ruben Nizard, Leiter Sektorforschung, Coface

 

Sofortige Auswirkungen auf die Ölpreise

US- und israelische Luftangriffe im Iran markieren einen Wendepunkt für die Energiemärkte. Am Montagmorgen stieg Brent um mehr als 10 %, was vor allem die geopolitische Risikoprämie widerspiegelt und weniger eine unmittelbare Angebotsstörung.

Vor dieser Eskalation waren die Öl­märkte weitgehend übersättigt. Das Angebot von Nicht-OPEC+-Produzenten und die schnelle Wiederauffüllung der Lager hielten die Preise unter Druck (durchschnittlich 68 USD/Barrel im Jahr 2025). Der Konflikt bringt nun erhebliche Unsicherheit über die Versorgungssicherheit zurück.

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Die Strasse von Hormus: Ein kritischer Engpass für Energie

Das Hauptrisiko liegt in der Strasse von Hormus, durch die etwa 20 % des weltweiten Öls und nahezu 30 % der Seefracht von Rohöl transportiert werden.

Die aktuellen Spannungen treiben bereits die Preise nach oben. Alternativen zur Umgehung dieser strategischen Passage sind begrenzt und nicht ausreichend, um einen grösseren Schock abzufedern.

Dauerhafte oder wiederholte Unterbrechungen könnten Brent in den dreistelligen Bereich treiben, womöglich über den Höchststand im Februar 2022 (122 USD/Barrel) hinaus bis zum Rekord von 2008 (147 USD/Barrel).

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Risiko für Energieinfrastruktur

Obwohl Iran nicht der grösste Produzent der Region ist, hätte eine Unterbrechung seiner Produktion sofortige Auswirkungen auf bereits fragile Märkte. Das Land produziert über 3 Millionen Barrel pro Tag und exportiert nahezu 2 Millionen, vor allem nach China.

Ein Stopp dieser Lieferungen würde Käufer, insbesondere in Asien, zwingen, auf teurere Alternativen auszuweichen, was den Preisdruck verstärkt.

Über den iranischen Export oder eine mögliche Schliessung der Strasse von Hormus hinaus könnte Iran auch Energieinfrastruktur anderer Golfstaaten angreifen. Die Auswirkungen würden dann von Umfang des Schadens und Dauer der Störungen abhängen.

In diesem Zusammenhang bleibt die OPEC+-Reservekapazität – geschätzt 4–5 Millionen Barrel pro Tag – begrenzt und stark konzentriert. Auch andere strategische Engpässe wie die Bab-el-Mandeb-Strasse oder der Suezkanal könnten bei einer regionalen Eskalation betroffen sein.

 

Mögliche Störungen globaler Lieferketten

Die Bedeutung geht weit über den Ölmarkt hinaus. Die Strasse von Hormus ist auch ein zentraler Korridor für Flüssigerdgas, Dünger, Industriemetalle und petrochemische Produkte. Mehrere grosse Reedereien haben bereits temporäre Aussetzungen oder Umleitungen angekündigt.

Einige Schiffe umfahren nun das Kap der Guten Hoffnung, wodurch sich die Transitzeiten um 9–14 Tage verlängern und die Logistikkosten steigen.

Diese schrittweise Störung der Lieferketten erhöht das Risiko von Marktengpässen und Inflationsdruck, insbesondere für Länder, die auf Energieimporte angewiesen sind.

 

Risiko eines globalen makroökonomischen Schocks

In einem Extremfall, in dem Öl dauerhaft über 100 USD pro Barrel bleibt, könnte die Weltwirtschaft einen neuen Inflationsschock erleben.

Die Zentralbanken müssten ihre Politik wahrscheinlich anpassen, von Lockerungsmassnahmen zu strengerer Geldpolitik wechseln. Schätzungen zufolge könnte ein anhaltender 15 USD-Anstieg des Brent-Preises das weltweite Wachstum um rund 0,2 Prozentpunkte senken und die Inflation um fast 0,5 Prozentpunkte erhöhen.

In einem solchen Szenario würde Stagflation – die Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation – wieder zu einer realen Bedrohung für die Weltwirtschaft.


Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft

Während die direkten Folgen des Konflikts vor allem die globalen Energiemärkte betreffen, könnte die Schweiz auch über indirekte Kanäle betroffen sein.

Aus direkter Handelsperspektive ist die Golfregion von begrenzter Bedeutung für die Schweiz. 2025 war die VAE der wichtigste Exportmarkt der Schweiz in der Region, machten jedoch nur 1,3 % der Gesamtexporte aus, weit hinter den USA (19 %) und Deutschland (15 %).

Die Energieabhängigkeit der Schweiz von Öl und Gas aus der arabischen Halbinsel ist ebenfalls relativ gering, was die direkte Anfälligkeit für einen regionalen Schock begrenzt.

Für die Schweiz ergeben sich die Hauptrisiken weniger aus direkten Handelsbeziehungen mit der Region als aus indirekten Effekten durch Energie- und Rohstoffpreisänderungen

Markus Kuger, Head of Economic Research DACH, Coface.

Die Ölpreise standen bereits vor der Eskalation unter Druck. Brent stieg von rund 60 USD pro Barrel Mitte Januar auf knapp 72 USD vor Beginn der Kämpfe, bevor er sich auf etwa 90 USD näherte. Bei anhaltenden Störungen in der Strasse von Hormus könnten die Preise dauerhaft über 100 USD steigen.

Eine solche Entwicklung würde Schlüsselsektoren der Schweizer Wirtschaft herausfordern. Die Chemie- und Pharmaindustrie, besonders energieintensiv und zentral für den Schweizer Aussenhandel, machte 53 % der Exporterlöse 2025 aus.

Neben der Energie könnten logistische Störungen auch andere Sektoren betreffen. Etwa 30 % der weltweiten Düngemittelexporte passieren die Strasse von Hormus, was die globale Versorgung beeinträchtigen und mittelfristig die Landwirtschaft belasten könnte. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Kosten wichtiger Düngemittelzutaten bereits stark gestiegen sind, teilweise um über 400 %.

Autoren und Experten