Durch Lieferengpässe gerät die Produktion von Generika ins Stocken, was dramatische Folgen für das globale Gesundheitssystem und die Schweizer Exportwirtschaft haben kann. Mit einem Chemie-Pharma-Anteil von 53 Prozent an den Totalexporten ist die Schweiz besonders exponiert.
Die stark globalisierte Pharma-Industrie ist von der Problematik rund um die Strasse von Hormus stark betroffen. Aktuell spitzt sich die Situation insbesondere bei der Produktion von Generika zu. Leidtragende dürften zuvorderst Patientinnen und Patienten aus Ländern mit niedrigeren Einkommen sein, doch auch in Europa verschlechtert sich die pharmazeutische Versorgung. Zudem könnten sich generelle Verschiebungen im globalen Markt ergeben.
Lieferkettenstörungen belasten die Generika-Produktion
Der Auslöser liegt darin, dass die Strasse von Hormus eine zentrale Rolle für den Transport kritischer Pharma-Vorprodukte auf Basis von Öl und Gas spielt. Diese werden aus dem Mittleren Osten nach China und Indien verschifft, wo ein Grossteil günstiger Generika produziert wird.
Inzwischen sind diese Vorprodukte knapp, während die Kosten steigen. In der Folge drosseln chinesische und indische Unternehmen die Produktion von Generika. Diese machen den Grossteil der täglich eingenommenen Medikamente aus, darunter auch verbreitete Wirkstoffe wie Paracetamol.
Ein globalisierter und konzentrierter Markt mit Risiken
Der stark globalisierte Generikamarkt ist grundsätzlich mit Risiken behaftet. Bereits geringe Veränderungen bei Kosten oder Nachfrage sowie geopolitische Krisen können Unternehmen zum Marktaustritt zwingen und letztlich das Gesundheitssystem destabilisieren.
Diese Entwicklung hat seit den 2000er-Jahren an Dynamik gewonnen. Treibende Faktoren sind heute ein intensiver Wettbewerb mit niedrigen Margen sowie eine starke Konzentration der Produktion auf Indien und China. Dort bot die traditionell starke petrochemische Industrie günstige Rahmenbedingungen, sodass westliche Pharmaunternehmen grosse Teile ihrer Produktion auslagerten.
Heute stammen bis zu 80 Prozent der in Europa verwendeten pharmazeutischen Wirkstoffe (API) sowie rund 40 Prozent der fertigen Medikamente aus China und Indien.
Strukturelle Risiken im Generika-System
Diese Struktur führt dazu, dass das Risiko physischer Lieferengpässe weiter zunimmt – selbst obwohl bereits Gegenmassnahmen ergriffen wurden, etwa durch den Bezug von Öl und Gas aus Iran oder Russland. In einigen Bereichen werden zudem höherwertige Rohstoffe eingesetzt, was zwar die Margen erhöht, jedoch die Produktionsmengen reduziert.
Für Unternehmen bleiben die Handlungsspielräume begrenzt. Steigende Rohstoffpreise und zunehmende Engpässe führen häufig zu einem Marktaustritt oder zu kostspieligen Anpassungen. Einerseits werden die Preise in vielen westlichen Märkten durch regulatorische Vorgaben begrenzt. Andererseits verfügen nur finanzstarke Akteure über die Möglichkeit, sich auf Markenmedikamente oder höherpreisige Generika zu konzentrieren.
Zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen auch alternative Generikahersteller, etwa in Mexiko. Auch sie beziehen rund 75 Prozent ihrer pharmazeutischen Wirkstoffe (API) aus Indien und China.
Medikamentenversorgung zunehmend unter Druck
In einkommensschwächeren Ländern könnte sich die medizinische Versorgung der Bevölkerung deutlich verschlechtern. Sogenannte Niedrigpreismärkte, etwa in Afrika, verlieren bei sinkendem Angebot und steigenden Kosten zunehmend an Priorität. Fortschritte beim Zugang zu Basistherapien oder Antibiotika könnten dadurch wieder infrage gestellt werden.
Doch auch in Europa ist die Knappheit bereits spürbar. Anfang Mai meldete das Bundesamt für Gesundheit Engpässe, insbesondere bei Generika. Bestimmte Medikamente wie starke Schmerzmittel, Insulin oder Antibiotika werden knapper. Bei einigen Paracetamol-Produkten kommt es zudem zu Lieferunterbrüchen.
Schweizer Exportmodell besonders anfällig
Die Chemie- und Pharmaindustrie treibt die Schweizer Exportwirtschaft stärker denn je. 2025 erreichte der Export chemischer und pharmazeutischer Produkte ein neues Rekordniveau. Der Ausfuhrwert dieser Warengruppe stieg auf 152 Milliarden Franken und macht damit 53 Prozent der gesamten Schweizer Exporte aus.
Diese Entwicklung geht jedoch mit einer hohen Anfälligkeit gegenüber globalen Störungen der Lieferketten einher. Jede Reibung im petrochemischen Sektor wirkt sich direkt auf einen erheblichen Teil der Schweizer Exporterlöse aus.
Sandoz passt sich an, um globale Lieferkettenrisiken zu mindern
Der Schweizer Pharmakonzern Sandoz, der unter den drei grössten Generika-Herstellern der Welt rangiert, veranschaulicht, wie grosse Akteure des Bereichs mit den Risiken globaler Lieferketten umgehen. Das Unternehmen erklärt, dass es derzeit keine wesentlichen Lieferkettenunterbrechungen oder materielle Auswirkungen auf sein Geschäft erwartet. Es stützt sich dabei auf alternative Versorgungswege, die seit mehreren Jahren etabliert sind, sowie auf eine vollständig in Europa integrierte Fertigung für grosse Teile seiner Produktion. Sandoz hat 2024 sein China-Geschäft veräussert und investiert mehr als eine Milliarde US-Dollar in den Ausbau seiner europäischen Biosimilar-Produktion – unter anderem in Slowenien.
Laut Sandoz sind jedoch branchenweite Auswirkungen auf Versorgungs- und Energiekosten umso wahrscheinlicher, je länger der Konflikt anhält. Und das könnte Preisanpassungen erforderlich machen, um Inflationsdruck auszugleichen und die kontinuierliche Versorgung der Patientenschaft sicherzustellen. Wie das Unternehmen betont, ist die Sicherstellung des Zugangs zu essenziellen Arzneimitteln nicht nur eine operative Herausforderung, sondern eine Frage der langfristigen Autonomie und Resilienz im Gesundheitswesen.


