Das Mitte November unterzeichnete Memorandum of Understanding zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten markiert eine spürbare Deeskalation im bilateralen Zollstreit. Die zusätzlichen US-Importzölle auf Schweizer Waren werden von 39 % auf 15 % gesenkt und verschaffen den Exporteuren kurzfristig Luft. Aus handelspolitischer Risikosicht führt die Vereinbarung jedoch nur zu einer teilweisen Stabilisierung – die Unsicherheit bleibt strukturell hoch.
Zölle: Entlastung ja, Rückkehr zur Normalität nein
Die USA sind für die Schweiz der zweitwichtigste Exportmarkt und nehmen rund 17 bis 18 % der gesamten Ausfuhren auf. Bei einem dauerhaften Zollsatz von 39 % hätte sich die Wettbewerbsfähigkeit zentraler Branchen deutlich verschlechtert – insbesondere im Maschinenbau, bei Präzisionsinstrumenten, in der Uhrenindustrie und in der Nahrungsmittelbranche.
Schätzungen von Coface auf Basis von Berechnungen des KOF-Instituts zufolge hätten Zölle in dieser Höhe zwischen 7.500 und 15.000 Vollzeitstellen in den am stärksten betroffenen Branchen gefährdet. Die Reduktion auf 15 % dürfte das Schweizer BIP-Wachstum hingegen um rund 0,2 Prozentpunkte pro Jahr dämpfen – deutlich weniger als im ursprünglichen Zollszenario.
Damit wird das Abwärtsrisiko zwar klar begrenzt. Gleichzeitig liegt das aktuelle Zollniveau weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau und belastet nach wie vor Preisgestaltung, Margen und Investitionsentscheidungen vieler Exporteure.
Pharmaindustrie: begrenzter Schutz, ungleiche Wirkungen
Pharmazeutische Produkte dominieren die Schweizer Exporte in die USA: 2024 entfielen 50,3 % der Warenausfuhren in die Vereinigten Staaten auf diesen Sektor, gefolgt vom Handel mit Edelmetallen (22,3 %). Zusammen mit der Chemie trägt die Pharmaindustrie rund 6 % zur Bruttowertschöpfung der Schweiz bei und ist damit von systemischer Bedeutung.
Das gemeinsame Statement sieht vor, dass Zölle auf Schweizer Pharmaprodukte im Rahmen von Section 232* 15 % nicht überschreiten dürfen. Damit wird das Risiko einer drastischen Eskalation deutlich reduziert – zumal zuvor Zölle von bis zu 100 % auf bestimmte Markenmedikamente im Raum standen.
Innerhalb der Branche wirkt der Schutz jedoch nicht gleichmässig. Grosse multinationale Konzerne mit Produktionsstandorten in den USA oder mit umfangreichen Investitionszusagen profitieren eher von Ausnahmeregelungen. Kleinere und mittlere Unternehmen bleiben hingegen stärker anfällig für verbleibende Zölle und regulatorische Anforderungen. Aus Risikosicht könnte der Rahmen einen zusätzlichen Anreiz schaffen, künftige Produktionskapazitäten verstärkt in die USA zu verlagern.
Mehr als Zölle: die strategischen Säulen der Vereinbarung
Auch wenn die Zölle im Fokus der öffentlichen Debatte standen, stützt sich das Memorandum auf fünf strategische Säulen, die das Risikoumfeld für Schweizer Unternehmen deutlich prägen:
- Investitionen und Beschäftigung
Die Schweiz will bis 2028 private Investitionen in Höhe von bis zu 200 Mrd. USD in den USA ermöglichen, davon mindestens 67 Mrd. USD bereits innerhalb des kommenden Jahres – vor allem in der Pharmaindustrie und in fortschrittlichen Industriebranchen. Dies erleichtert zwar den Marktzugang, verstärkt aber zugleich den Trend zur teilweisen Auslagerung von Wertschöpfung, um Handelsrisiken zu reduzieren. - Zölle und Marktzugang
Die Senkung der gegenseitigen Zölle auf 15 % sowie Zusagen zur Verbesserung des Marktzugangs für US-Produkte stabilisieren den Handel kurzfristig, reichen jedoch nicht aus, um die Rahmenbedingungen vor dem Konflikt wiederherzustellen. - Nichttarifäre Handelshemmnisse
Die geplante Zusammenarbeit bei Konformitätsbewertungen und regulatorischer Anerkennung könnte die Compliance-Kosten in strategischen Bereichen wie Medizintechnik senken. Die konkrete Umsetzung bleibt jedoch offen. - Digitaler Handel und Technologie
Die Verpflichtung, auf Digitalsteuern zu verzichten und vertrauenswürdige grenzüberschreitende Datenflüsse zu unterstützen, reduziert das Risiko regulatorischer Zersplitterung für hochpreisige Dienstleistungen und technologiegetriebene Exporte. - Wirtschaftliche Sicherheit und Lieferketten
Eine engere Kooperation bei Exportkontrollen, Sanktionsdurchsetzung und Investitionsprüfungen erhöht die Planbarkeit für Unternehmen, die mit den strategischen Prioritäten der USA im Einklang stehen – erhöht aber gleichzeitig die regulatorische Komplexität für andere Marktteilnehmer.
Zusammen zeichnen diese Säulen das Bild einer vertieften, zugleich aber stärker konditionalen Wirtschaftsbeziehung, die zunehmend von geopolitischen und sicherheitspolitischen Faktoren geprägt ist.
Hohe rechtliche und politische Unsicherheit bleibt bestehen
Entscheidend ist: Bei der aktuellen Vereinbarung handelt es sich nicht um einen völkerrechtlich bindenden Vertrag. Die Verhandlungen über ein formelles Abkommen sollen voraussichtlich im ersten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Anschließend müsste der Deal das parlamentarische Verfahren in der Schweiz durchlaufen und könnte gegebenenfalls einem Referendum unterliegen.
Diese prozedurale Unsicherheit bleibt ein zentraler Risikofaktor. Selbst wenn die Zölle in der Praxis rasch gesenkt werden – wie im EU-USA-Präzedenzfall –, ist die Dauerhaftigkeit der Regelung keineswegs garantiert.
Kurzfristige Stabilisierung in einem strukturell unsicheren Umfeld
Kurzfristig verschafft das Abkommen den Schweizer Exporteuren dringend benötigten Spielraum und begrenzt die unmittelbaren makroökonomischen Folgen des US-amerikanischen Protektionismus. Die strukturelle Volatilität der Handelspolitik wird damit jedoch nicht beseitigt – sie wird zunehmend zu einem festen Bestandteil des globalen Umfelds.
Für Schweizer Unternehmen hängt das Handelsrisiko künftig weniger vom reinen Zollniveau ab als von ihrer Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen: über Märkte hinweg, entlang der Lieferketten und innerhalb komplexer regulatorischer Rahmenbedingungen. In diesem Licht reduziert das Abkommen das Abwärtsrisiko – Unsicherheit bleibt jedoch ein integraler Bestandteil des handelspolitischen Ausblicks.
* Section 232 des US Trade Expansion Act erlaubt es der US-Regierung, Importzölle auf Produkte zu erheben, die als sicherheitsrelevant eingestuft werden, unabhängig von klassischen Handelsverhandlungen.



